Einblicke in ein Land mit vielen Gesichter – Kirgistan

Neugierde, Abenteuerlust, Sehnsucht nach der Ferne, Wissensdurst, alles Gründe, die uns Menschen dazu bewegen neue Länder zu besuchen.

Was sich im Reiseprogramm interessant anhört, kann in der Realität harte Tatsachen bedeuten. Zweieinhalbstunden in einem alten Sowjettruck auf einer unbefestigten Strasse zu fahren, bedeutet in echt ein unsanftes Hoch- und Runterhüpfen. Der Truck fährt kaum mehr als Schritttempo, durchfährt mehr als einmal den Fluss und kriecht gefährlich nahe am Abgrund den Berg hoch. Eine Unendlichkeit scheint vergangen, bis sich vor der Gruppe, bestehend aus vierzehn Schweizern und fünf Kirgisen, das traumhafte Hochtal Altyn Arashan öffnet. Bei den Einheimischen bekannt für seine heissen Quellen und der malerischen Natur.

Doch alles der Reihe nach. Wo sind wir und wer sind wir eigentlich? Mitte Juli versammelte sich eine bunt zusammengewürfelte Gruppe aus Mitgliedern der Schweizer Naturfreunde am Flughafen Zürich, um ich auf die abenteuerliche Reise durch Kirgistan zu machen. Nach einem zwölfstündigen Flug sind alle wohl in Bischkek angekommen, munter vermutlich auch, mit Gepäck leider nicht. Was in der Schweiz innerhalb von Minuten geregelt wäre, erwies sich hier als etwas anspruchsvoller. Mit einem unsicheren Gefühl, ob der Beamte nun auch sicher wusste welches Gepäckstück zu uns gehörte und wohin es ging, verliessen wir das Flughafengebäude mit mehr als einer Stunde Verspätung. Zum Glück waren unsere Sorgen umsonst. Bereits am zweiten Reisetag waren Gepäckstücke und Besitzer glücklich vereint.

Wie sagt man, Kirgistan, Kirgisistan, Kirgisien? Welche Sprache spricht man denn dort, kyrillisch, kirgisisch, russisch, turkmenisch? Wo liegt denn bitte die Schweiz Zentralasiens? So viele Begriffe, die ein Land beschreiben und dennoch zeichnet es vielen ein Fragezeichen ins Gesicht. Egal ob Kirgistan, Kirgisistan oder Kirgisien, es handelt sich bei allen Bezeichnungen um ein und dasselbe Land. Eingepfercht zwischen Kasachstan, China, Usbekistan und Tadschikistan übersieht man den jungen Staat auf der Landkarte fast. Doch wer – wie die Teilnehmer der Rundreise – etwas genauer hinsieht, merkt schnell, dieses Land hat einiges zu bieten. Es erzählt viele Geschichten, geschrieben von den unterschiedlichen Kulturen, die das Land ausmachen. Auch wenn die Sowjetunion bereits vor über zwanzig Jahren aufgelöst wurde, fühlt man sich manchmal wie in einer Zeitmaschine. Zumindest erging es uns so, als wir in Bischkek an einer Lenin Statue vorbei spazierten, die noch immer optimistisch mit der Hand in die Zukunft wies. Oder als wir nach einer Wanderung eines der zahlreichen sowjetischen Sanatorien besuchten. Nicht zu vergessen unser geliebter Sowjettruck, der uns sicher an unser Ziel gebracht hat.

Unser Reisebus hält an und wir sehen am Ufer des Sees eine Herde Kamele. An einem anderen Ort Yacks die auf einer Weide grasen, Wildpferde und unendlich viel Edelweiss. Die Natur wechselt sich ab, vom smaragdblauen Issyk Kul- See über Bergtäler, die der Schweiz verblüffend ähnlich sind hin zu bizarren Berglandschaften – geformt aus rotem Stein – beherrscht von den Nomaden, die seit hunderten Jahren in Kirgistan leben. Auch wenn viele von ihnen den Winter im Dorf verbringen, so sind sie während den Sommermonaten auf den Hochebenen unterwegs – auch Jailoos genannt. Dort treiben sie ihr Vieh von einem Ort zum anderen. Schutz vor Kälte und der Nacht bietet ihnen die Jurte. Traditionell in Handarbeit aus Filz und Holz hergestellt.

Egal, ob wir in einer Jurte, bei einer Familie, im Gasthaus oder in einem Hotel übernachtet haben, eines ist der ganze Gruppe geblieben; die Herzlichkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft der Menschen. Letzteres merkten wir nur zu gut im Sanatorium – als wir Touristinnen, völlig verloren und überfordert, in der Umkleidekabine standen, uns die kirgisischen Frauen den Weg ins Bad erklärten und zum richtigen Ausgang begleiteten. Oder in Kochkor, als uns eine Greisin mit der Energie eines Teenagers in die Kunst des Filzen einweihten und mit uns um die Wette tanzte.

Silvana Casutt