Auffahrtswanderung im Tessin

 

Wie sagt man doch so schön? Im Tessin ist es sonniger und wärmer als in der Deutschschweiz. Über die diesjährigen Auffahrtstage traf dies aber nicht zu. Wir Naturfreunde hatten zwar recht oft Sonnenschein und wurden vom Regen verschont, aber es war während der ganzen Umrundung vom Val Colla (nördlich von Lugano) eher kühl, und die kurzen Hosen blieben in den Rucksäcken. Trotzdem: es waren vier lässige Tage, und Béa, die uns 19 Mitwanderer allein über Stock und Stein, schmale Weglein, Geröllhalden, Waldpartien und baumlose Hügel führte, machte ihre Sache so gut, dass wir alle gesund, munter und zufrieden wieder – nachdem wir mit einiger Schadenfreude vom Zug aus auf die Blechlawinen sahen, die sich vor dem Gotthardtunnel stauten - ännet äm Gotthard ankamen. Dort schien immer noch die Sonne und war es frühsommerlich warm!

Nachdem wir fast jahrzehntelang stets ungefähr dieselben Auffahrtswanderer waren und sich jeweils höchstens zwei bis drei Neue dazugesellten, waren wir alten Hasen diesmal in der Minderheit: Neun gegen elf! Auch die Männer waren in der Minderheit: fünf gegen fünfzehn! Regional und kantonal waren wir eine bunte Mischung: La-Chaux-de-Fonds, Riehen, Säuliamt, Bündnerland, Winterthur, Bern, Aargau und Stadt Zürich.

Die Wanderung begann in Brè, und dann ging es vor allem obsi, bis wir nach  etwa 800 m Aufstieg auf dem Monte Boglia standen – Aussicht inbegriffen. Entlang der berühmten Denti della Vecchia (Zähne der alten Frau) wanderten wir bis zur Hütte Pairolo, wo uns ein dreistöckiges Massenlager und ein feines Znacht erwarteten. Zweiter und dritter Tag: Hinauf und hinunter, teilweise in Italien, über den gut 2'000 m hohen Gazzirola zur Hütte Monte Bar; ein origineller und sehr sympathischer Hüttenwart empfing uns dort. Leider war es am zweiten und dritten Abend recht kühl, so dass wir die Prachtsaussicht auf und über Luganer-, Comer- und Langensee nicht auf den Terrassen genossen, sondern froh um die Stube mit dem lodernden Cheminée waren.

 

Die höheren Lagen zeigten sich uns noch ziemlich kahl, aber einige Blumen säumten trotzdem unsere Wanderroute: Christrosen, Soldanellen, Krokusse, Enzian, Alpenveilchen und eben Narzissen. Was uns auch vier Tage lang begleitete, war «Guggu, Guggu». Der Kuckuck lebt gerne in dünn besiedelten Gegenden, und wir Naturfreunde wandern ja auch am liebsten in solchen Landschaften, wo sich unsere Sinne von Betonwüsten, Autobahnen, Verkehrslärm, «Häuschenplage» und Einkaufstempeln erholen können.

Zwischenfälle gab es keine, abgesehen von einer – oder waren es zwei? –Magenverstimmung, einem liegengelassenen Seidenschlafsack, einem vergessenen violetten Etui, mindestens einer Krampfattacke und einigen Schnarchgeräuschen (natürlich waren alle davon überzeugt, dass sie ganz, ganz sicher nicht daran beteiligt waren…).

 

Fazit: S’isch ä schöne Wanderig gsi. D’Béa – danke viilmaal – hät ä für diämeischte unbekannti Ruute usegfunde, und man hat es wieder einmal bestätigt

gefunden: Che bello è il Ticino.

 

Evy Merino