Wo de Nordseewellen trekken.....

29. August - 6. September 2015

Die deutsche Nordseeküste per Rad mit Walter Coesemans

Den Text zum bekannten Ohrwurm hat 1909 ein Glasermeister aus Flensburg nach Zürich gebracht, wo im Arbeiter-Männerchor die Melodie dazu entstand. Seither spülen die Nordseewellen klangvoll an den Strand.

Wir haben die Nordsee mit dem Rad erlebt, typische Landschaftszüge durch unberührte Natur, ein wahres Eldorado für Radler. Die Wege sind topfeben, Steigungen gibt es nur bei den kurzen Rampen auf die Deichkrone. Der Wert des Radwanderns besteht hier weniger in der zurückgelegten Wegstrecke, sondern aus den gesammelten Erlebnissen und Eindrücken und vor allem im ständigen Kampf mit dem Nordseewind, egal von welcher Himmelsrichtung er gerade um die Ohren pfeift! Urlaub an der Nordsee soll schon an sich Wellness pur sein. Wasser und Luft sorgen für tiefgreifende Erholung, verspricht die Werbung. Viele Menschen schwören seit Jahrhunderten auf die gesunde Kraft aus dem Meer. Sogar Abnehmen soll an der Nordsee so richtig Spass machen, es sei denn, man entdecke in Husum zufällig Hartmann’s Landküche. Ein Ofen, Töpfe und Pfannen: Mehr braucht Klaus Thiem nicht, um höchst kreativer Gastronomie zu frönen. In seiner Tapas-Bar bereitet er fantasievolle Speisen zu, Verführungen durch betörende Gerüche, Gewürze und Kräuter.

Auf dem Deich, vor dem Deich, hinter dem Deich, manchmal von orkanartigen Böen zu Höchstleistung getrieben, auf engen Plattenwegen, die uns in idyllische Dörfer oder gar zu Entgleisungen führten, das macht das Radeln an der Nordsee zum unvergesslichen Erlebnis! Manchmal mit «Vista sul Mare», manchmal mit Rücken-, Seiten- oder Gegenwind, aber immer mit dem Ziel vor Augen, den Wikinger-Friesen-Weg dennoch zu bezwingen, haben wir dieses Unternehmen auch geschafft.

Natürlich haben die einmalige Natur und eine Briese Glück geholfen, allen Windböen und Regenschauern zum Trotz, einen grossen Teil des UNESCO «Weltnaturerbe Wattenmeer» hautnah zu erleben – und ganz im Trend der Friesländer – eine eindrucksvolle Wattenwanderung mit unten ohne. Das friesische Lebensgefühl, erst bei Wind und Wetter draussen sein und die Umgebung erkunden, und anschliessend gemütlich zusammen sitzen, hat auch uns schnell erfasst. Das «Moin, Moin», die norddeutsche Begrüssung, wird schnell zur Gewohnheit. Die Friesen, mit der Nordsee vor der Haustür, sind vom rauen Klima geprägt, aber immer freundlich und sehr hilfsbereit. Bei einem «Platten» haben sich gleich zwei Haustüren geöffnet und Unterstützung angeboten.

Radeln an der Nordsee ist nicht nur ein Trip zwischen Nord- und Ostsee, denn dazwischen weiden zehntausende Schafe, die den Weg arttypisch in reichlichem Masse mit Universal Naturdünger markieren und dabei nicht die geringste Scheu empfinden, mit der Miene eines unschuldigen Lammes dem Radler den Weg zu versperren. Wahrhaft ein lebendiges Bioreservat, und für naturnahe Fans ein wahres Paradies! Auch einige von uns haben davon ein kleines Souvenir ergattert, das selbst in homöopathischen Mengen noch ein Schnuppererlebnis vom Naturschutzgebiet Wattenmeer vermittelt!

Wer durch Theodor Storms Landschaft radelt, darf seinen romantischen Brief, den er vor mehr als 150 Jahren an Mörike schrieb, nicht als Reiseführer umsetzen: Er sah Wind- und Wassermühlen, eine smaragdgrüne Eidechse auf einem Baumstumpf, die ihn mit goldenen Augen ansah. Das alles gab es am beschriebenen Fleckchen Erde gar nicht! Bereits Storm wusste wirksame Werbetexte für sein geliebtes Land zu verfassen. Aber geschummelt hat er trotzdem nicht!

Marlène und Herbert Cadosch